Nan Goldin – Amanda in the locker room Berlin 1993 2019-06-22T12:53:13+00:00

Nan Goldin

Amanda in the locker room Berlin 1993

12. September 1953 in Washington, USA

Die Hoffnung, niemals einen Menschen zu verlieren, wenn man ihn
nur oft genug fotografiert, mag nach dem überraschenden Suizid ihrer
Schwester aufgekeimt sein. Ob diese Hoffnung Nan Goldins Obsession
begründete, ihre Liebsten allumfassend zu dokumentieren, bleibt
Spekulation. Fakt ist, dass sie die Fotografin zuletzt nicht vor dem
Verlust vieler ihrer engsten Begleiter*innen bewahrte. Sie gibt jedoch
auch Aufschluss über ihr Werk als romantische Utopie, statt einer
rein radikalen, schonungslosen Dokumentation ihrer Beziehungen und
Abhängigkeiten. Die Fotografien ihres visuellen Tagebuchs Ballad of
Sexual Dependency ordnete Goldin in jeder Ausstellung der Diashow
neu und erweiterte sie über Jahre hinweg. Damit verweist die Arbeit
nicht zuletzt auf das stets changierende Beziehungsgeflecht. Ihr
Selbstbildnis,
nachdem sie ihr Freund Brian verprügelt hatte, markiert
beispielsweise einen unkittbaren Bruch in ihrem Leben, die endgül-
tige Trennung von Brian: »Nachdem ich zusammengeschlagen worden
war, teilte ich alles in ein Vorher und ein Nachher ein.« Die Entprivatisierung
bietet den Betrachter*innen auch einen Pakt an: Seht uns an,
in unserer Unbändigkeit, in unserem Kampf, in unserer Dramatik! Geht
man den Pakt ein, findet man sie am Ende vielleicht doch wieder, die
Hoffnung, dass Amanda, Suzanne, Cookie, Vittorio und all die anderen
irgendwo aufgehoben sind.